Weihnachten und die eigene Belastbarkeit

von junge Stadt Köln-Team

Familienfeier-SOS: Psych_ED Stammtisch vom 03.12.2020

 

Für die meisten ist der Gedanke an Weihnachten mit schönen Gefühlen verknüpft. Gerade in den Medien wird das Thema in erster Linie auch immer positiv diskutiert: Harmonie, Liebe und eine gute Zeit mit der Familie stehen im Vordergrund. Dabei wird komplett ausgeblendet, dass Familienfeste für viele (wenn nicht für alle) auch mit negativen Emotionen verbunden sind. In der Realität ist das Weihnachtsfest nämlich selten so harmonisch und schön, wie es scheinbar sein sollte.

Beim Stammtisch am 3.12. haben wir gemeinsam überlegt, welche Erwartungen wir persönlich überhaupt an Weihnachten haben. Die meisten wünschen sich eine schöne Zeit mit den Menschen, die ihnen am wichtigsten sind und möglichst wenig Stress. Eigentlich gar keine so hohen Ansprüche, oder? Leider für viele schwieriger als es klingt. Irgendwie gelingt es vielen Familien letztendlich nicht, ein wirklich harmonisches Fest zu feiern.

Das hat unterschiedliche Gründe: Zum einen bietet allein schon das ganze Szenario an sich unterschiedliche Stressfaktoren: viele Menschen auf engem Raum, laute Gespräche, verschiedenste Gerüche. Die Gefahr einer Reizüberflutung ist schon beim Lesen greifbar. Und auch der eigene Anspruch an das Weihnachtsfest – nämlich harmonisch miteinander zu feiern - kann einen Stressfaktor darstellen. So sieht man der scheinbaren Harmonie zuliebe über viele Dinge hinweg, um Verwandte nicht zu enttäuschen oder Gespräche nicht in peinlicher Stille enden zu lassen. Man setzt keine Grenzen dort, wo man sie eigentlich hätte setzen müssen. Das eigene Wohlbefinden wird für die gute Stimmung der anderen geopfert.

Konflikte lassen sich meistens nur schwer wirklich vermeiden. Wenn man mit einem Familienmitglied einfach nicht über persönliche Themen reden möchte, aber immer wieder die gleichen Fragen gestellt werden. Wenn man sich mit Verwandten auseinandersetzen muss, die politisch schwierige Ansichten haben. Oder wenn man manche Leute einfach nicht gerne mag, ohne einen wirklichen Grund dafür zu haben – man aber scheinbar an Weihnachten so tun muss, als wäre alles super. Ob es die aufdringliche Tante, der etwas zu rechtsorientierte Cousin oder die neunmalkluge Schwester der Oma ist: Früher oder später reißt da jedem der Geduldsfaden.

An Weihnachten kommen in der Regel verschiedenste Menschen mit unterschiedlichen Erwartungen und Persönlichkeiten zusammen. Letztendlich ist es einfach keine Selbstverständlichkeit, das alles in perfekter Harmonie abläuft. Das zu akzeptieren, ist vielleicht ein erster Schritt, mit möglichen Konfliktsituationen entspannter umzugehen.

Ansonsten lassen sich die Lösungen, die wir gemeinsam beim Stammtisch besprochen haben, grob in zwei Kategorien einteilen: zum einen kann man versuchen, Konflikte präventiv vorzubeugen und zum anderen kann man sein Bestes tun, sich diesen Situationen effektiv und möglichst ohne Stress zu entziehen.

 

Prävention statt Eskalation

Die ersten Kategorie kann man als „nachhaltiger“ beschreiben, aber eben auch als schwieriger in der Umsetzung. Sie sind deshalb auch nicht die „besseren“ Ansätze, sondern einfach nur eine weitere Möglichkeit, mit dieser Problematik umzugehen. Eine Möglichkeit ist es zum Beispiel, sich vorher aktiv Gedanken darüber zu machen, welche möglichen Konfliktsituationen entstehen können. Vielleicht kann man die aufdringliche Tante, die immer wieder die gleichen unangenehmen Fragen stellt, vor dem Weihnachtsfest mal anrufen und ihr sagen, dass man über bestimmte Themen einfach nicht reden möchte. Oder versuchen sich, bevor wieder ein Streit um das genaue Programm an Heiligabend entsteht, in die Lage der anderen hineinzuversetzen und so im Voraus gemeinsam Kompromisse vereinbaren. Das beugt eventuell enttäuschten Erwartungen vor.

 

Grenzen setzen

Es ist leider dennoch klar, dass so produktiv nicht alle Familien miteinander reden können. Deshalb ist es in manchen Fällen nur möglich, sich darauf zu konzentrieren, das Stresslevel zu reduzieren und Rückzugsorte zu schaffen. Zum Beispiel kann man sich bewusst machen, dass man niemandem etwas schuldig ist. Man kann versuchen, sich aus dem kollektivistischen Denken innerhalb vieler Familien an Weihnachten ein wenig zu befreien und sich bewusst darüber sein, wie wichtig es ist, eigene Grenzen zu setzen.

Das kann konfrontativ geschehen, indem man klar sagt, dass man über ein Thema nicht reden möchte, aber das kann auch geschehen, indem man sich selbst einen Rückzugsort sucht – sich in eine ruhige Ecke des Raumes setzt, mal für einige Minuten den Raum komplett verlässt oder einen kleinen Spaziergang macht. Letzteres ist übrigens auch für die gesamte Familie möglich und ein guter Programmpunkt: Man entkommt für einen Moment der Reizüberflutung im stickigwarmen Wohnzimmer – und kann sich außerdem in kleinen Gruppen zusammen finden, mit den Leuten, mit denen der Umgang am entspanntesten ist. Ein sogar sozial erwünschter Ansatz, sich den Konflikten mit anderen erwachsenen Personen zu entziehen, kann auch darin liegen, mit einem der anwesenden Kindern zu spielen – es wird kaum einer nachfragen, wieso man denn nicht mit den anderen redet, gleichzeitig hat man jedoch Ruhe vor unangenehmen Fragen.

 

Durch Corona feiert man dieses Jahr in vielen Familien (hoffentlich) sowieso im kleineren Kreis. Vielleicht ein Anreiz, um Weihnachten mal ganz radikal anders zu denken, und anstatt mit der Familie, stattdessen mit Freunden zu feiern oder eben mit den Menschen, die einem am wichtigsten sind.

 

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