Interview mit Sudabeh Mohafez

Das Interview findet im Rahmen der Projektgruppe Lizenz zum Dichten statt. Diese hat sich zum Ziel gesetzt, jüngeren Personen Lyrik näher zu bringen und außerhalb eine Schul- oder Studienerfahrung eine Plattform für Auseinandersetzung mit Gedichten zu bieten. Der entsprechende Trägerverein ist junge Stadt Köln, ein gemeinnütziger Verein, der sich auf Jugend-Partizipation und ähnliches spezialisiert hat.

Die Interview-Reihe soll sich mit der Frage auseinander setzten warum Menschen (Lyrik) schreiben, warum sie mit Lyrik arbeiten und welche Bedeutung sie in ihrem Leben hat. Dafür laden wir Menschen aus verschieden Sektoren zu uns ein und reden mit ihnen über ihre Verbindung zur Lyrik.

 

Sancia aus dem Lizenz zum Dichten-Team: Sudabeh, du schreibst ja jetzt schon durchaus eine gewisse Zeit, und hast das in deinem Leben auf vielfältige Art und Weise getan. Wann hat das eigentlich für dich angefangen?

Sudabeh Mohafez: Mit dem Schreiben habe ich angefangen … also ich sag mal so, das erste Mal als ich unbedingt schreiben wollte, war mit 6. Weil meine Mutter damals als Sekretärin gearbeitet hat, und zwar hat sie immer – heute würde man das Home-Office nennen – zu Hause gesessen. Und sie hatte noch diese uralten Schreibmaschinen. Computer gab‘s da ja noch nicht, da gab es nur diese monsteralten Schreibmaschinendinosaurier, bei denen es total schwer war, die Tasten runterzudrücken. Und meine Mutter saß immer hinter dieser Schreibmaschine und rauchte eine Zigarette nach der nächsten und trank endlos Kaffee und sah immer schön aus und unglaublich beschäftigt. Und ich mochte damals schon Bücher total gerne und ich wusste, Männer können Autoren, Schriftsteller werden, und ich dachte, wenn Frauen schreiben wollen, dann müssen sie einfach Sekretärin werden. Wenn man Sekretärin ist, dann kann man auch schreiben. Wenn man eine Frau ist, muss man Sekretärin werden, das habe ich gedacht.

Valide (Lacht). Total valide, klar!  

Und ich war dann halt total begeistert. Deswegen war mein wichtigster Berufswunsch als Kind Sekretärin, weil ich dachte, dann kann ich Bücher schreiben. Das war total geil. Und dann habe ich damals angefangen so kleine Geschichten zu schreiben, und Comics zu zeichnen. So mit Strichmännchen und später schon ein bisschen mehr als nur Strichmännchen, und ich habe Geschichten erzählt. Oder auch Kurzgeschichten. Und dann habe ich relativ früh angefangen, naja was heißt früh, aber so mit 12, 13, angefangen, Tagebuch zu schreiben. Und Tagebuch schreiben war jetzt nicht so “Heute war ich beim Friseur und dann habe ich meinen Hund Gassi geführt oder mich mit meiner besten Freundin gestritten”, sondern ich habe schon ganz früh versucht im Schreiben über meine Gedanken und Gefühle nachzudenken und darüber, wie ich mich fühle in der Welt und wie ich mich mit bestimmten Leuten fühle oder warum ich auf jemanden wütend bin oder ich etwas ungerecht finde oder so. Sehr viel geschrieben einfach, sehr sehr viel geschrieben. Viel später, da war ich glaube ich schon 36 Jahre alt – also 30 Jahre später – habe ich in diesen uralten Tagebüchern mal rumgeblättert und habe dann festgestellt, und zwar insbesondere in den Tagebüchern, die ich geschrieben habe, als wir nach Deutschland gekommen sind. Ich bin ja im Iran aufgewachsen, und wir sind als ich vierzehneinhalb war, aus dem Iran, was die Heimat meines Vaters war, in meine andere Heimat, nämlich in die Heimat meiner Mutter umgezogen. Damals habe ich so viel Tagebuch geschrieben, wie nie zuvor, weil es mir super scheiße ging als wir nach Deutschland gekommen sind. Ich war vierzehn, ich war mitten in der Pubertät, meine Eltern hatten total Stress miteinander, im Iran war eine Revolution, da wurden Leute getötet, mein Vater war nicht mehr da, er war noch im Iran und meine Mutter und die Kinder waren in Deutschland – Berlin, damals noch Westberlin. Und ich war total dick. Ich bin 1,57 cm und habe damals 85 Kilo gewogen, das ist schon ziemlich viel für so klein, ich war aber so dick, weil ich mich vorher schon unwohl gefühlt habe. Das hat mich dann immer beruhigt, das Essen. Und das konnte ich auch nicht einfach so abstellen. Naja – auf jeden Fall: alles zusammen hat dazu geführt, dass es mir schlecht ging. Das hat auf jeden Fall dazu geführt, dass ich ganz viel Tagebuch geschrieben habe. Und es gab eine Zeit, also so in der neunten Klasse, da habe ich zwischen vier und sieben Stunden am Tag Tagebuch geschrieben.  

[...]

Hat das denn geholfen?  

Das hat mir total geholfen. Weil ich in den Tagebüchern immer versucht habe darüber nachzudenken: Warum geht es mir eigentlich gerade schlecht? Was ist das eigentlich für eine Situation, in der ich gerade bin? Wie geht es mir damit, dass meine Eltern sich hassen? Meine Mutter meinen Vater hasst und erzählt mir aber nicht, warum sie ihn hasst, ich aber auch nicht verstehen kann, warum sie ihn hasst, weil ich ihn total liebhabe. Und solche Sachen.  

Und Deutschland war halt … ich bin zwar auf eine deutsche Schule gegangen und bin mit Weihnachten und Ostern und so aufgewachsen, wir haben zu Hause auch Deutsch gesprochen.  

Aber trotzdem war Deutschland ganz schön anders, Berlin war ganz schön anders als Teheran, wo ich aufgewachsen bin, und das hat mich total verunsichert. Ich habe halt immer ganz viel darübergeschrieben, wie es mir geht und das war wie, als hätte ich dadurch einen besseren Boden unter den Füßen. Das hat mir Halt gegeben, wie meine beste Freundin oder so. Oder mein bester Freund.  

Das stelle ich mir schön vor: Das Schreiben ist der beste Freund/die beste Freundin, die einem manchmal so fehlt.

Ja, das war für mich ganz doll so. Und das ist auch heute noch so, wenn es mir jetzt schlecht gehen würde, dann würde ich mich hinsetzen und Tagebuch schreiben. Und manchmal schreibe ich dann zwei, drei Stunden. Über alles, was ich fühle und denke. Was ich aber eigentlich erzählen wollte: als ich 36 war, habe ich in diesen alten Tagebüchern aus der Zeit, wo ich neu war in West-Berlin, herumgeblättert und dann habe ich festgestellt, dass in diesen Tagebucheinträgen, ohne, dass ich das gemerkt hatte, schon Geschichten drin waren, die fast fertig waren. Wenn man einfach ganz viel schreibt, dann fängt man irgendwann so an, zu schreiben, als würde man eine Geschichte schreiben. Bei mir war das so, ohne, dass ich das bewusst geplant hätte - habe ich einen Anfang, einen Höhepunkt und ein rundes Ende geschrieben zu etwas, worüber ich nachgedacht habe. Aber ich habe das nicht bewusst gemacht, das ist so wie Fahrrad fahren, irgendwann macht man’s richtig gut. Das war total cool. Das habe ich aber erst mit Mitte/Ende 30 kapiert, und dann habe ich gedacht “Alter, ich habe irgendwie mit 14 die coolsten Geschichten der Welt geschrieben!” Und dann habe ich die so ein bisschen überarbeitet und die meisten Geschichten in meinem allerersten Buch, ich glaube, etwa die Hälfte der Geschichten in dem ersten Buch, das ich mit Anfang 40 dann veröffentlicht hab, sind Geschichten, die aus meinen Tagebüchern kommen. Und die ich wirklich nicht mehr viel überarbeitet hab, ich habe die nur ein bisschen gefeilt.

Das ist total spannend, wenn man dann so in der Rückschau die Sachen wiederfindet: - Ich heb jeden Blödsinn auf, den ich schreibe, jeden albernen Bierdeckel, auf dem ich irgendwann mal drei Sätze geschrieben habe, und ein Teil von mir denkt “Du solltest den Kram mal aussortieren.”, aber ein anderer Teil denkt “Warte. Warte einfach noch.”

Ja, das ist auch richtig! Wenn ich Schreibwerkstätten an Schulen oder so mache, frage ich dann immer, ob jemand Tagebuch schreibt, so zwei, drei trauen sich dann, das zuzugeben, die Hälfte geben es lieber nicht zu, weil sie denken, das ist psycho oder so – ich find’s immer total cool, Tagebuch zu schreiben – und dann sage ich immer “Für alle, die jetzt gerade Tagebuch schreiben oder irgendwelche Notizen auf Zettelchen oder so: hebt es auf!” Wenn man damals als ich 14 war, zu mir gesagt hätte, da sind Geschichten drin, hätte ich gesagt “Hä, Quatsch, das sind einfach nur meine bekloppten Gedanken und ich bin sowieso fett und hässlich und scheiße und die Welt ist kacke“ – mir ging’s wirklich nicht gut – und ich hätte damals gar nicht einschätzen können, dass das gute Literatur war, was ich da geschrieben habe. Und das konnte ich erst beurteilen, als ich Mitte 30 war, und selbst dann war ich mir nicht so sicher. Ich habe das natürlich erst Leuten gezeigt, die Ahnung hatten, einem Agenten und so, und die haben gesagt “Mach ein Buch! Mach ein Buch! Das ist doch schon fertig!”

Das finde ich total faszinierend, weil das ja wirklich was ist, von dem ich denke, dass es häufiger vorkommt; dass gerade jüngere Leute in emotional schwierigen Lagen, die viel schreiben, aber sich überhaupt nicht zutrauen, dass das irgendetwas taugt.

Ich glaube, es ist auch schwer zu beurteilen, weil man ja gerade in dem Alter noch gar nicht groß Übung damit hat, aber was ich wichtig finde, ist: alles, was ein Mensch zu Papier bringt, kommt aus dem Inneren des Menschen. Und allein deshalb ist es ein Juwel, weil alles was aus dem Inneren eines Menschen kommt, ist kostbar. Daran glaube ich total. Das ist meine Erfahrung. Egal, wie alt die Person ist, egal, wie die aussieht, das ist immer kostbar. Schon deswegen sollte man es wertschätzen und aufbewahren, und wenn man es nie wieder anguckt, sollte man es in eine schöne Kiste tun, mit lauter Glitzer drauf, und ein großes Herz draufkleben und sagen, das sind meine Juwelen als ich 14 war, als ich 15 war. Selbst wenn man keine Schriftstellerin wird oder so, ist egal, das sind Juwelen, weil’s von Innen kommt. Und wenn man sich dann später nicht mehr so fühlt wie damals, als man das geschrieben hat, das heißt, man hat vielleicht ein bisschen Abstand dazu, und man hat vielleicht auch kognitiv, im Gehirn ein paar Sachen dazugelernt, über‘s Leben, dann kann man nochmal ganz anders draufgucken, was man damals so gemacht hat. Weil die Sachen, die wir im Leben machen, zu unterschiedlichen Zeiten im Leben unterschiedliche Bedeutungen haben. Als ich das Tagebuch mit 14 geschrieben habe, da war die Bedeutung: das war meine Rettung vor der Einsamkeit, meine Rettung vor der Verzweiflung und meine Rettung davor, suizidal zu werden. Und als ich mit 36 draufgeguckt hab, war das Juwelenliteratur und hatte nichts mehr mit einer Rettung zu tun, mit 36 hatte ich mich schon gerettet. Ich war schon nach der Rettung, ich brauchte die Rettung nicht mehr. Aber ich hatte noch das, was mich gerettet hatte, und die Bedeutung, die es bekommen hatte, war eine andere. Und wenn du mich heute fragst, was ist das, dann sag ich: das ist das erste Buch, das ich geschrieben habe, und das steht in der Stuttgarter Landesbibliothek und in der AGB in Berlin und bei ganz vielen Leuten zu Hause im Buchregal. Drei verschiedene Sachen, trotzdem ist es die ganze Zeit ein und dieselbe.

Das finde ich eine total schöne Geschichte. [...] Du machst ja auch Literaturvermittlung, du bietest Werkstätten an und machst Seminare und ähnliches. Du hast gerade gesagt, du fragst immer, ob die Leute Tagebuch schreiben. Hast du da die Erfahrung gemacht, dass Leute, die schon schreiben, da vielleicht offener mit ihrem Schreiben umgehen?


Meiner Erfahrung nach ist das total unterschiedlich. Es gibt Leute, die schon schreiben, die sehr privat schreiben. Ich hätte zum Beispiel von dem was ich mit 14 in mein Tagebuch geschrieben habe niemals jemandem irgendwie vorgelesen. […] also, mich hätte das bestimmt begeistert, aber ich wäre sehr verunsichert gewesen, weil das natürlich ein ganz anderes Schreiben ist als Tagebuch schreiben. Wenn jemand sagt, geh mal raus auf den Schulhof, sammele drei Gegenstände ein und dann schreib eine Geschichte darüber, das wäre ja was ganz anderes. Ich wäre da sehr offen für gewesen, aber auch sehr vorsichtig, weil ich ja immer so ein intuitives Schreiben gemacht hab, ich hätte, glaube ich, Angst gehabt, dass ich zu viel von mir preisgebe. Das ist das, was ich oft erlebe, bei Menschen die viel schreiben, besonders bei Tagebuchschreiber:innen, dass die aufpassen müssen - und das ist auch gut so – was sie von dem, wie sie schreiben und was sie schreiben, öffentlich machen. Das sind dann oft die Leute, die in der Schreibwerkstatt sehr viel schreiben, aber nicht vorlesen wollen, weil es sehr intim ist. Und das ist auch total okay, bei mir gibt es niemals einen Vorlesezwang. Dann gibt’s aber auch Leute, die haben einfach Bock auf Schreiben, egal, was man denen sagt, dann schreiben die. [...]

Dann kommen wir jetzt schon zu unserer letzten Frage: Stell dir vor, du könntest allen Menschen, die wir erreichen, ein Gedicht verordnen, das sie lesen sollen. Eines, von dem du denkst, dass sollte jeder Mensch gelesen haben, der lesen kann und am besten alle anderen auch. Welches Gedicht wäre das?

Oh, wow, das finde ich echt eine krasse Frage. Ähm … nee, kann ich dir so nicht beantworten. Und ich sag dir auch warum: Weil ich glaube, es gibt nicht ein Gedicht, dass alle Menschen lesen sollten. Ich glaube, alle Menschen sollten ein Gedicht finden, dass sie für sich finden sollten, aber … das kann ich dir wirklich nicht beantworten. Das geht nicht. Gedichte sind so unterschiedlich wie Menschen und deswegen gibt es nicht ein Gedicht, das für alle Menschen taugen kann. Das glaube ich nicht.  

Das ist auch eine sehr schöne Antwort. Hast du dann selbst ein Gedicht, dass du für dich bedeutsam oder schön findest, und das du teilen würdest?

Ne, kann ich dir jetzt keins sagen. Aber ich kann dir eine Autorin sagen, die, wie ich finde viel gelesen werden sollte. Und zwar Audre Lorde. Viel zu wenig gelesen im Deutschen.

Vielen Dank für das Interview Sudabeh Mohafez!

Zurück

Schau auf unseren Social Media-Kanälen vorbei! Oder melde dich direkt bei uns.

Besuch uns durch einen Klick auf Facebook oder Instagram. Alternativ gelangst du über das Papierflieger-Symbol direkt zu unserem Kontaktformular.

          

 

Wir freuen uns auf deine Kommentare.